Archiv des Monats: Dezember 2025

Feiertage im Tantra

Als soziale Wesen ist eines unserer Bedürfnisse, den Zusammenhalt im Kreise unserer Nächsten zu fühlen (und sich dessen zu versichern). Das ist ein Aspekt gemeinsamer Feste und Rituale. Mir persönlich gefallen die tantrischen Feste am besten. Da fühle ich mich gut aufgehoben und mit meinen Bedürfnissen gesehen. Aber in unserer Kultur sind tantrische Feste nicht sicher etabliert, so wie z.B. Weihnachten. Irgendjemand lädt zu einem Ritual ein, oder ein kommerzieller Dienstleister bietet eine Veranstaltung an. In einer Weltanschauungsgemeinschaft – und ich möchte Tantra als solche etablieren – ist klar, wann welche Feste gefeiert werden und die Frage ist nur “wie”. Ob ich den Jahreswechsel alleine im Dunkeln meditierend meine Bedürfnisse optimal befriedige oder in Familie, Gruppe, Kirche, Tempel, Stamm oder Dorf ist wahlfrei.

In der tantrischen Kultur taucht als Feiertag eigentlich nur Shivaratri eindeutig auf. Vermutlich liegt das daran, dass viele traditionelle tantrische Rituale eher im Verborgenen stattfinden mussten. Shivaratri wird traditionell nach dem Hindu-Kalender bestimmt und Ende Februar oder Anfang März gefeiert.

Da wir Tantrika gerne ganz alte ursprüngliche Quellen für uns in Anspruch nehmen, ist es folgerichtig, die universellen Feiertage des Jahreskreises wie Sonnenwende oder Frühlingsanfang zu feiern und unsere gemeinsamen, verbindenden Feste auf diese Termine zu legen. Ich möchte dafür werben, diesen Gedanken in unserem tantrischen Bewusstsein zu verankern und darüber hinaus im persönlichen Umfeld weitere Rituale terminunabhängig zu feiern.

Was mich in Indien fasziniert hat, war das Nebeneinander verschiedenster Religionen. Zunehmend beflügelt mich das Bild einer pluralistischen Gesellschaftsordnung, in der “die Anderen” weniger auf die Bedrohung für das eigene Weltbild abgecheckt werden, sondern auf die Qualität ihrer Feste. Ich glaube, in der Art zu feiern, drückt sich vieles aus. Gemeinsam ist das Gefühl von Fülle. Sättigung bzw. Befriedigung von Bedürfnissen, die in einer entbehrungsreichen Zeit zurückgestellt wurden. In der gewaltfreien Kommunikationstheorie wird erklärt, Gefühle sind Hinweise auf Bedürfnisse. Und wenn gerade mal alle Bedürfnisse satt sind (befriedigt sind), dann stellt sich das Gefühl von Freude ein. Im Yoga wird erklärt, der “natürliche Zustand” sei “Sat-Chit-Ananda” (Sein, Wissen, Glückseligkeit). Zwei Erklärungen für die gleiche Idee. Tue das, was notwendig ist, um deine Bedürfnisse zu befriedigen und freue dich darüber. Mehr ist nicht zu tun. 

Politaktivismus oder Spiritualität? 

Auf den ersten Blick scheint politisches Engagement und spirituelle Entwicklung gegensätzlich. Aber die Ziele sind ganz ähnlich. Nur der Weg ist unterschiedlich. Die einen wollen die Welt im Außen verändern und die anderen meinen, dass wir bei uns selbst anfangen müssen. Dabei wissen sowohl die einen, als auch die anderen, dass Entwicklung immer interaktiv in kleinen Schritten geschieht. Natürlich gibt es auf beiden Seiten extremistische Positionen, aber alle guten Gruppen und Individuen haben beides. Das größere, transzendente, über die einzelne Person hinausgehende – und das individuelle, die persönlichen Bedürfnisse befriedigende, auf persönliche Beziehungen basierende. Ich benutze gerne die Dualität zwischen Sachorientierung und Beziehungsorientierung. Hälfte-Hälfte erscheint erstmal ein guter Ansatz. Gruppen, die nur nach innen schauen, halten über persönliche Freundschaften hinaus nicht lange und die, die nur im Außen agieren, lösen sich nach wenigen Jahren auf. Individuen, die sich nur um sich selbst drehen und nur auf der “Suche” sind, “finden” sich selten. Nicht umsonst haben viele erwachte Meister großartige Bewegungen oder soziale Projekte im Außen gegründet. Das erweiterte Mitgefühl, wie die Erleuchtung im Buddhismus heißt, führt zum Engagement für andere Wesen. Für mich persönlich war es prägend, im politischen Aktivismus eine emotional gut verbundene Gruppe von Gleichgesinnten um mich zu haben, mit denen ich oder “wir” zusammen etwas bewirken konnten. Damals hieß eine anarchistische Parole “bildet Banden”. Heute würde ich dafür plädieren, ganz bewusst und reflektiert seine sozialen Zusammenhänge zu gestalten. Ob die Organisationsform dann Freundeskreise, Gruppen, Organisationen, Firmen oder Parteien sind, halte ich für nachrangig. Das tantrische Prinzip, auf dem Altar der persönlichen Verehrung diejenigen Aspekte in den Vordergrund zu holen, die jetzt dran sind und die anderen Aspekte einfach etwas in den Hintergrund zu schieben, statt sie zu verdammen, das halte ich für wichtig. Mit Verehrung meine ich das, wofür du dich engagierst und bei dem Begriff Aspekte denke ich an Gottheiten. In unserer Kultur, die durch monotheistische Religionen geprägt wurde, wird oft “ganz oder gar nicht“ propagiert, sozusagen digital, an oder aus. Unsere vielschichtige, zunehmend multipolare Welt und Gesellschaft lässt sich mit der tantrischen Weltanschauung viel besser abbilden.

Mediale Resilienz

In einem Workshop der AOK über “Mediale Resilienz” (u.a. für Yogalehrende) wurde gezeigt, dass Fremdbestimmung ein ganz zentraler Stressfaktor ist. Da schließen gesellschaftliche Gedanken an. Aber Stress als Zustand des Nervensystems, der bei dauernder medialer Überflutung, ständiger Erreichbarkeit und viel zu häufiger Unterbrechung kaum noch Pausen bekommt, braucht primär ganz praktische Verhaltensweisen.

Mediale Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, die eigene digitale Mediennutzung sowohl im Alltag als auch unter Belastung souverän, gesundheitsförderlich und zielgerichtet zu gestalten. Man kann auch sagen: produktiv und selbstbestimmt. Leider sind die Algorithmen genau anders ausgelegt. Sie wollen Aufmerksamkeit um jeden Preis. Ausgebildete Fachleute optimieren die Algorithmen darauf, dich süchtig zu machen; egal wie gut die dargebotenen Inhalte sind. 

Wichtig fand ich Hinweise für eine Strategie im Umgang mit digitalen Medien. Die wesentlichen Stressoren lassen sich in fünf Bereiche einteilen: Überflutung, ständige Erreichbarkeit, häufige Unterbrechungen, soziale Erwartungshaltungen, technische Unzuverlässigkeit. Durch ständige Erreichbarkeit kann mensch nie ganz abschalten. Unterbrechungen verlangsamen den Workflow. Soziale Erwartungen in Socialmedia (Angst vor Shitstorm oder Totenstille) belasten emotional. Und technische Zuverlässigkeit kann wichtige Arbeit behindern. Die Strategieempfehlung ist, für sich selbst den wichtigsten Stressfaktor zu identifizieren und gezielt nur dazu eine Verhaltensanpassung einzuüben. Für mich persönlich frist die innere Fragmentierung Arbeitszeit, weil ich immer, wenn die Gedanken nicht gut fließen, noch mal die Nachrichten checke. Digital Detox ist leider keine alltagstaugliche Lösung. Selbstbestimmte Mediennutzung (also welche Medien, wann und wie lange?) braucht:
1) Reflexion, d.h. Analyse des eigenen Verhaltens,
2) Wissen über die Vorgänge hinter den Medien und im eigenen Körper
3) Strategien, d.h. Versuch und Irrtum, um hilfreiche Methoden auszuprobieren und dann im Alltag zu etablieren.   

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