Archiv des Monats: Dezember 2025

Tantra-in-Leipzig – Rundbrief 45 (12/2025)

Liebe Tantrika und liebe Freunde,

zu Weihnachten und in den Rauhnächten wünsche ich dir gute Inspiration und emotionale Harmonie. Wieder geht ein Kalenderjahr zu Ende. Es ist Zeit zur Ruhe zu kommen, Zeit für dich und Zeit für deine Nächsten.

Heute morgen habe ich, nach dem Sonnenwende-Feuer und Eintauchen in den winterlichen Mühlgraben, aus den Orakelkarten für die Rauhnächte-Zeit eine Karte “Bube der Münzen” gezogen. Ich hatte die Frage nach der Rolle des Tantra-Rundbriefes für mich. Sie wurde beantwortet mit “Impulsgeber” für etwas Solides und Beständiges auf fruchtbarem Boden. Mit dieser erbaulichen Nachricht bringt mir das Schreiben Freude. 

Zeit für dich? Was bedeutet das? Was ist eigentlich das Ich? Viele kennen das Gefühl, ständig für andere da zu sein, aber wenn die Frage auftaucht: “Was brauchst du?” kommt als Antwort häufig nur ein Bedürfnis nach Entspannung und einfach mal zu “sein”. Aber was heißt Sein? Aus yogisch-tantrischer Sicht ist der natürliche Zustand des Menschen Sat-Chit-Ananda (Sein – Wissen – Glückseligkeit). Aber was ist dann der Rest unserer Realität? 

Ein wesentlicher Faktor, der uns vom Sein abhält, scheint “Stress” zu sein. Stress ist ein Zustand des Nervensystems, welches bei dauernder medialer Überflutung, ständiger Erreichbarkeit und viel zu häufiger Unterbrechung kaum noch Pausen bekommt. Dabei ist unser menschliches System so gebaut, dass gelegentlicher Stress gut verarbeitet werden kann, aber entspannter Flow im göttlichen Spiel des Lebens (Lila) der Normalzustand sein sollte. Und das sollte uns in unserer reichen Überflussgesellschaft mehr gelingen, als in allen früheren Zeitaltern. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. 

Ein Workshop über Digitale Resilienz hat mich inspiriert. Eine wichtige Ursache für Stress ist Fremdbestimmung. Um dieser zu begegnen brauchen wir ein Verständnis von unserem Selbst. Keine befriedigende Antwort zu haben auf die Frage “Wer bist du und was willst du?” verursacht für uns als soziale Wesen Stress. Unser Selbst und das Bedürfnis nach Identität zu befriedigen ist anspruchsvoller als früher, wo wir es von außen gesagt bekamen. Tantra kann uns bei der Suche nach dieser Antwort helfen. Tantra ist eine ganzheitliche Weltanschauung. Solange wir Tantra auf achtsame Sinnlichkeit oder Sexualtität reduzieren, geht die Suche nach dem Selbst weiter. Ganzheitliches Tantra kann mehr und sollte mehr gelebt und gelehrt werden. 

Mit der Ausbildung für tantrische Gruppenleitung (Tantra-Lehrenden-Ausbildung) verbinden wir spirituelle Tiefe, sinnliche Offenheit und geistige Reflexion. Im Herbst bieten wir hier erstmals eine Ausbildungswoche für Leitungswissen an. Einige Interessierte gibt es schon. Wenn dich so eine Ausbildung anspricht, melde dich.

Nachrichten

Unsere Indien-Reise vom Oktober/November hat mich in mancherlei Hinsicht inspiriert. Den Reisebericht könnt ihr in meinem Telegram-Kanal lesen oder auch auf meiner Webseite sehen. Im Telegramkanal werde ich auch über die Reise hinaus bloggen und ich würde mich über weitere Follower freuen. 

In Indien habe ich Chetan kennengelernt, einen Lehrenden für traditionelles Kundalini-Tantra. Ich hab ihn eingeladen, hier am 22.-29.3. einen Intensivkurs zu geben (engl.) und hoffe, dass die Mindestteilnehmerzahl bald zustande kommt. Ich freue mich auf diese Woche und werde sie selbst als Weiterbildung mitmachen.

Katrin Laux vom Anukan berichtete auf dem letzten Treffen der Tempelpristerinnen über ihren neuen  Vlog, wo sie jeden Freitag etwas Content liefert, demnächst mit einem Interview mit mir zur tantrischen Gemeinschaft. 

Da Dvarika und Anlise aus Leipzig kommen, möchte das Diamond-Lotus die Leipziger gezielt ansprechen bei der nächsten Runde der Tantramassage-Ausbildung ab März dabei zu sein. 

Das Tantra-Festival Open-Heart vom 1.-5.7.26 nimmt immer mehr Gestalt an. Eine frühzeitige Buchung ist empfehlenswert.   

Viele tantrische Angebote sind weniger im Web, als in Chat-Räumen wie Telegram zu finden. Die folgenden Links werde ich aus der Web-Veröffentlichung des Rundbrief löschen, um Bots nicht in die Chat-Räume zu lassen. 
Ich höre immer wieder gutes von Jules Divine Pleasure Community. Ein weiterer, für mich neuer Stern ist die Slow & Sensual Community von Max, mit dem ich mich seit geraumer Zeit treffen möchte. Auch Daniela vom Intaeger habe ich in ihrer Arbeit noch nicht kennengelernt, aber manches Gutes gehört. Thomas Becher kenne ich schon lange und kann seine Arbeit empfehlen. Ebenso Ricarda und Malin mit Verbunden-Frei. In der Verbindungskultur finden sich alle zusammen wieder. Bei der Recherche finde ich weitere Unmengen von Werbung, teilweise mit KI generiert, die mein Interesse auch durch blumige Worte mehr ermüden als wecken. 

Die LVZ (Leipziger Volkszeitung) berichtete im September über meinen Streit zum ProstSchG mit dem Ordnungsamt. Das Rechtsamt der Stadt hat sich hinter das Ordnungsamt gestellt, welches behauptet, dass Sexualtherapie Prostitution sei. Das öffentliche Gerichtsverfahren wird Ende Januar oder im Februar 2026 stattfinden. Ich würde mich über Besucher freuen.

Spendenaufruf: Im tantrischen Buddhismus wird gilt es, je nach Lebensphase, auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Unsere verdichtete arbeitsteilige Gesellschaft lässt vielen allerdings kaum Zeit, selbst aktiv zu werden (inkl. mir selbst). Egal von welcher Seite du auf die gesellschaftliche Entwicklung schaust – die fortschreitende Ungleichverteilung von Vermögen ist ein Problem für jede demokratische Gesellschaft. Ich gehe davon aus, dass zumindest die Leser dieses Rundbriefes eine breite Mittelschicht für unsere Gesellschaft befürworten. Attac ist eine von wenigen Organisationen, die die Vermögensfrage und -besteuerung zentral in ihrer Arbeit berücksichtigen. Leider wurde ihnen die Gemeinnützigkeit für ihr zivilgesellschaftliches Engagement aberkannt. Daher möchte ich (etwas Fachfremd) einen Spendenaufruf von Attac weiterleiten, in der Hoffnung, dass uns Oligarchien erspart bleiben.  

Literaturtipp

Zuversicht” von Katharina Afflerbach hat mich als Hörbuch aus der Städtischen Bibliothek (die haben ein gutes Online Angebot) sehr berührt. Wahre Geschichten vom Weitermachen und Wachsen in schwierigen Zeiten geben Kraft, und die tut gut. 

Deep Science” als Podcast vom Deutschlandfunk beleuchtet einige spirituelle Themen und liefert manche Informationen. Auch wenn materialistische Glaubenssätze mit quasi religiösem Eifer aufrechterhalten werden, war es für mich inspirierend. 

Feiertage im Tantra

Was mich in Indien fasziniert hat, war das Nebeneinander verschiedenster Religionen. Zunehmend beflügelt mich das Bild einer pluralistischen Gesellschaftsordnung, in der “die Anderen” weniger auf die Bedrohung für das eigene Weltbild abgecheckt werden, sondern auf die Qualität ihrer Feste. Mehr dazu ...

Meinung

Die Zeitschrift Graswurzelrevolution hat im Dezember mein Plädoyer für einen anarchistischen Umgang mit Gottheiten veröffentlicht. Viele sind zu recht sehr vorsichtig gegenüber den Vereinnahmungen jeglicher Weltanschauung. Ich vermute, dass in dieser religionskritischen Entwicklung “das Kind mit dem Bade ausgeschüttet” wurde. Wir brauchen einen selbstbestimmten Umgang mit Gottheiten und Autoritäten. Ich lade mit einem Augenzwinkern dazu ein, den tantrischen Gottheiten zu “glauben”, bzw. dir bewusst zu machen, was du alles glaubst. Welche Narrative du unhinterfragt übernommen hast, das ist dein “Glaube”. Darüber hinaus beinhaltet Glaube aber auch Vertrauen in größere Kräfte, ob sie nun in dir schlummern, in deiner Gemeinschaft erfahren werden oder ins Jenseitige projiziert werden. Gesellschaftliche Verantwortung und Spiritualität sind kein Widerspruch.  

Feiertage im Tantra

Als soziale Wesen ist eines unserer Bedürfnisse, den Zusammenhalt im Kreise unserer Nächsten zu fühlen (und sich dessen zu versichern). Das ist ein Aspekt gemeinsamer Feste und Rituale. Mir persönlich gefallen die tantrischen Feste am besten. Da fühle ich mich gut aufgehoben und mit meinen Bedürfnissen gesehen. Aber in unserer Kultur sind tantrische Feste nicht sicher etabliert, so wie z.B. Weihnachten. Irgendjemand lädt zu einem Ritual ein, oder ein kommerzieller Dienstleister bietet eine Veranstaltung an. In einer Weltanschauungsgemeinschaft – und ich möchte Tantra als solche etablieren – ist klar, wann welche Feste gefeiert werden und die Frage ist nur “wie”. Ob ich den Jahreswechsel alleine im Dunkeln meditierend meine Bedürfnisse optimal befriedige oder in Familie, Gruppe, Kirche, Tempel, Stamm oder Dorf ist wahlfrei.

In der tantrischen Kultur taucht als Feiertag eigentlich nur Shivaratri eindeutig auf. Vermutlich liegt das daran, dass viele traditionelle tantrische Rituale eher im Verborgenen stattfinden mussten. Shivaratri wird traditionell nach dem Hindu-Kalender bestimmt und Ende Februar oder Anfang März gefeiert.

Da wir Tantrika gerne ganz alte ursprüngliche Quellen für uns in Anspruch nehmen, ist es folgerichtig, die universellen Feiertage des Jahreskreises wie Sonnenwende oder Frühlingsanfang zu feiern und unsere gemeinsamen, verbindenden Feste auf diese Termine zu legen. Ich möchte dafür werben, diesen Gedanken in unserem tantrischen Bewusstsein zu verankern und darüber hinaus im persönlichen Umfeld weitere Rituale terminunabhängig zu feiern.

Was mich in Indien fasziniert hat, war das Nebeneinander verschiedenster Religionen. Zunehmend beflügelt mich das Bild einer pluralistischen Gesellschaftsordnung, in der “die Anderen” weniger auf die Bedrohung für das eigene Weltbild abgecheckt werden, sondern auf die Qualität ihrer Feste. Ich glaube, in der Art zu feiern, drückt sich vieles aus. Gemeinsam ist das Gefühl von Fülle. Sättigung bzw. Befriedigung von Bedürfnissen, die in einer entbehrungsreichen Zeit zurückgestellt wurden. In der gewaltfreien Kommunikationstheorie wird erklärt, Gefühle sind Hinweise auf Bedürfnisse. Und wenn gerade mal alle Bedürfnisse satt sind (befriedigt sind), dann stellt sich das Gefühl von Freude ein. Im Yoga wird erklärt, der “natürliche Zustand” sei “Sat-Chit-Ananda” (Sein, Wissen, Glückseligkeit). Zwei Erklärungen für die gleiche Idee. Tue das, was notwendig ist, um deine Bedürfnisse zu befriedigen und freue dich darüber. Mehr ist nicht zu tun. 

Politaktivismus oder Spiritualität? 

Auf den ersten Blick scheint politisches Engagement und spirituelle Entwicklung gegensätzlich. Aber die Ziele sind ganz ähnlich. Nur der Weg ist unterschiedlich. Die einen wollen die Welt im Außen verändern und die anderen meinen, dass wir bei uns selbst anfangen müssen. Dabei wissen sowohl die einen, als auch die anderen, dass Entwicklung immer interaktiv in kleinen Schritten geschieht. Natürlich gibt es auf beiden Seiten extremistische Positionen, aber alle guten Gruppen und Individuen haben beides. Das größere, transzendente, über die einzelne Person hinausgehende – und das individuelle, die persönlichen Bedürfnisse befriedigende, auf persönliche Beziehungen basierende. Ich benutze gerne die Dualität zwischen Sachorientierung und Beziehungsorientierung. Hälfte-Hälfte erscheint erstmal ein guter Ansatz. Gruppen, die nur nach innen schauen, halten über persönliche Freundschaften hinaus nicht lange und die, die nur im Außen agieren, lösen sich nach wenigen Jahren auf. Individuen, die sich nur um sich selbst drehen und nur auf der “Suche” sind, “finden” sich selten. Nicht umsonst haben viele erwachte Meister großartige Bewegungen oder soziale Projekte im Außen gegründet. Das erweiterte Mitgefühl, wie die Erleuchtung im Buddhismus heißt, führt zum Engagement für andere Wesen. Für mich persönlich war es prägend, im politischen Aktivismus eine emotional gut verbundene Gruppe von Gleichgesinnten um mich zu haben, mit denen ich oder “wir” zusammen etwas bewirken konnten. Damals hieß eine anarchistische Parole “bildet Banden”. Heute würde ich dafür plädieren, ganz bewusst und reflektiert seine sozialen Zusammenhänge zu gestalten. Ob die Organisationsform dann Freundeskreise, Gruppen, Organisationen, Firmen oder Parteien sind, halte ich für nachrangig. Das tantrische Prinzip, auf dem Altar der persönlichen Verehrung diejenigen Aspekte in den Vordergrund zu holen, die jetzt dran sind und die anderen Aspekte einfach etwas in den Hintergrund zu schieben, statt sie zu verdammen, das halte ich für wichtig. Mit Verehrung meine ich das, wofür du dich engagierst und bei dem Begriff Aspekte denke ich an Gottheiten. In unserer Kultur, die durch monotheistische Religionen geprägt wurde, wird oft “ganz oder gar nicht“ propagiert, sozusagen digital, an oder aus. Unsere vielschichtige, zunehmend multipolare Welt und Gesellschaft lässt sich mit der tantrischen Weltanschauung viel besser abbilden.

Mediale Resilienz

In einem Workshop der AOK über “Mediale Resilienz” (u.a. für Yogalehrende) wurde gezeigt, dass Fremdbestimmung ein ganz zentraler Stressfaktor ist. Da schließen gesellschaftliche Gedanken an. Aber Stress als Zustand des Nervensystems, der bei dauernder medialer Überflutung, ständiger Erreichbarkeit und viel zu häufiger Unterbrechung kaum noch Pausen bekommt, braucht primär ganz praktische Verhaltensweisen.

Mediale Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, die eigene digitale Mediennutzung sowohl im Alltag als auch unter Belastung souverän, gesundheitsförderlich und zielgerichtet zu gestalten. Man kann auch sagen: produktiv und selbstbestimmt. Leider sind die Algorithmen genau anders ausgelegt. Sie wollen Aufmerksamkeit um jeden Preis. Ausgebildete Fachleute optimieren die Algorithmen darauf, dich süchtig zu machen; egal wie gut die dargebotenen Inhalte sind. 

Wichtig fand ich Hinweise für eine Strategie im Umgang mit digitalen Medien. Die wesentlichen Stressoren lassen sich in fünf Bereiche einteilen: Überflutung, ständige Erreichbarkeit, häufige Unterbrechungen, soziale Erwartungshaltungen, technische Unzuverlässigkeit. Durch ständige Erreichbarkeit kann mensch nie ganz abschalten. Unterbrechungen verlangsamen den Workflow. Soziale Erwartungen in Socialmedia (Angst vor Shitstorm oder Totenstille) belasten emotional. Und technische Zuverlässigkeit kann wichtige Arbeit behindern. Die Strategieempfehlung ist, für sich selbst den wichtigsten Stressfaktor zu identifizieren und gezielt nur dazu eine Verhaltensanpassung einzuüben. Für mich persönlich frist die innere Fragmentierung Arbeitszeit, weil ich immer, wenn die Gedanken nicht gut fließen, noch mal die Nachrichten checke. Digital Detox ist leider keine alltagstaugliche Lösung. Selbstbestimmte Mediennutzung (also welche Medien, wann und wie lange?) braucht:
1) Reflexion, d.h. Analyse des eigenen Verhaltens,
2) Wissen über die Vorgänge hinter den Medien und im eigenen Körper
3) Strategien, d.h. Versuch und Irrtum, um hilfreiche Methoden auszuprobieren und dann im Alltag zu etablieren.   

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