Seit dem letzten Rundbrief sind viele Gedanken zum Thema Männlichkeit durch meinen Kopf gegangen. Angefangen bei den Reaktionen auf den Artikel “Sicherheit versus Neugierde” aus feministischer Sicht. Weiter ging es mit Konflikten und verlogener bürgerlicher Doppelmoral, patriarchal frauenfeindlichen Diskriminierung meiner Tantramassagen durch das Ordnungsamt und zuletzt der Lektüre feministischer Literatur.
Dass viele Männer in unserer Gesellschaft auf dem Weg zu einer partnerschaftlichen Kultur noch ein paar Privilegien aufgeben müssen, halte ich für ausgemacht. Privilegien aufgeben ist erst mal ohne Gegenleistung. Ganz im Gegensatz zur kapitalistischen, profitorientierten Kultur dürfen wir Hoffnung haben, ohne Schadensersatzansprüche aus der Sache raus zu kommen, weil eine liebevolle Kultur mit einer bedürfnissorientierten Wirtschaftsweise anders funktioniert.
Persönlich bin ich in meinem Mann-Sein verunsichert und habe mich entschieden, dieses Gefühl auszuhalten und nicht in Stärke umzudeuten. Gefühle und Emotionen zuzulassen braucht Mut, aber es ist keine Stärke. Ich fühle mich geschwächt, aber dieses Gefühl ist auch nur ein Hinweis auf meine Bedürfnisse, deren Befriedigung ich vielleicht ein wenig zurückstellen muss. Die Tantrisch-Yogische Weltanschauung mit ihrem Menschenbild hilft mir dabei, das einzuordnen. Wir können nicht immer alle Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen. Mir geht es äußerlich vergleichsweise gut, dass muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen. Wenn ich die Verantwortung für meine Gefühle wirklich selbst übernehme, gelingt es mir sogar, das yogische “sat-chid-ananda” zu erleben und über mein eigenes Gejammer zu lachen.
Ich weis nicht, ob es typisch für “alte weisse Männer” ist, oder einfach nur “Helfried-Typisch”, mir zu den Fragen philosophisch-weltanschauliche Gedanken zu machen. Zuerst habe ich mir ein altes Buch aus meinem Regal gefischt, welches mich vor 30 Jahren inspiriert hat. “Kelch und Schwert” von Riane Eisler. Es handelt vom weiblichen und männlichen Prinzip in der Geschichte und plädiert für einen Übergang von patriarchaler Herrschaft zu einer partnerschaftlichen Kultur. Da ist meiner Meinung nach alles Wesentliche gesagt.
Etwas später hatte ich Anfang der 2000er Jahre mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, dass anarchistische Grundprinzipien, wie ich sie in den 1980er Jahren aufgenommen habe, zu feministischen Prinzipien erklärt wurden. Ich habe damals nicht verstanden und entnehme auch heute aktueller feministischer Literatur nicht, was an allgemein menschlichen Werten wie Mitgefühl, Solidarität, emotionaler Arbeit und Fürsorge spezifisch feministisch sein soll? Nur weil viele Männer in diesen elementaren Lebensbereichen Nachholbedarf haben, werden diese Eigenschaften doch nicht weiblich.
Ein ganz aktuelles Buch von Ole Liebl beschreibt unter dem Titel “Brutal fragile Typen” warum Gefühle für viele Männer immer noch eine Herausforderung sind. Ich konnte in dem Buch einige Anregungen finden, aber kein positives Bild von Männlichkeit, auch wenn der Autor meint, dass er Männer liebt. Wenn der Begriff der emotionalen Arbeit bedeutet, das akute Wohlbefinden der Mitmenschen zur Handlungsmaxime zu machen und dafür eigene Bedürfnisse zurückzustellen, dann bin ich diesbezüglich nicht gut. Meine Bedürfnisse zurückzustellen klappt persönlich einigermaßen (wer mich kennt, darf mir auch korrigierende Hinweise geben), aber die akute emotionale Befindlichkeit meiner Mitmenschen ist mir (leider) nicht so wichtig. Bei ihrer Bedürfnisbefriedigung helfe ich dagegen sehr gerne. Wenn Gefühle Hinweise auf Bedürfnisse sind (wie die gewaltfreie Kommunikationstheorie zentral sagt), dann lasse ich den Umweg über die Gefühle weg, mit denen ich eh nicht so gut kann. Das wird mir gelegentlich übel genommen.
Ole Liebl benennt viele kritikwürdige Aspekte, die häufig bei Männern auftauchen und von einigen „Männer Coaches“ oder im Rahmen der “Manosphere” gefördert werden. Aber allgemeine menschliche Werte werden in seinem Buch konsequent dem Feminismus zugeschrieben und so verbleibt kein positives Männerbild.Eine partnerschaftliche Kultur, die das Zusammenspiel aller Menschen fördern will, geht anders. Die notwendige Überwindung patriarchaler Herrschaftsstrukturen braucht ein Menschenbild und ein positives Männerbild. Sonst bekommen wir mit der Überwindung der Männerherrschaft nur einen Kapitalismus, in dem mehr Frauen über die ausbeuterischen Kapitalströme verfügen.
Die Ablehnung kultureller, geschlechtsspezifischer Rollenerwartungen finde ich völlig legitim. Die Entwicklung einer reflektierten sozialverträglichen Geschlechtsidentität bleibt aber für die meisten Menschen eine schwierige Herausforderung, die in der Pubertät beginnt und über die Lebensphasen immer wieder angepasst werden muss.
Im Tantra befürworten wir, dass alle Menschen, egal welchen Geschlechts, sich ein breites Spektrum an Verhaltensmöglichkeiten aneignen. Archetypisch dem männlichen Zugeschriebene Eigenschaften, wie z.B. Zielstrebigkeit, genauso wie archetypisch dem weiblichen zugeschriebene Eigenschaften wie z.B. Hingabe. Es sind doch alles ganz allgemein menschliche Eigenschaften.
Ich denke beim Thema Männer und Frauen müssen wir auch über Sex und Emotionen reden. Da sind nicht nur die Unterschiede am deutlichsten. Ein Aspekt bleibt (neben vielen Anderen), dass beim Sex Männer das Sperma nach außen abgeben und dabei in die Frau hinein wollen. Und auf der anderen Seite, dass Frauen beim Sex den Lingam in sich hinein lassen und das Sperma aufnehmen. Sex geht für Frauen tiefer nach innen und macht sie damit vulnerabler als Männer. Auf der anderen Seite senkt Testosteron die Gefühlswahrnehmungen und macht Männer emotional verletzlicher, da sie Details schlechter wahrnehmen. All das verpflichtet keine Einzelperson zu irgendetwas.
Im Tantra benutzen wir gerne ein Bild von +/- Polen, wonach Männer ihr Herz öffnen (emotionen zulassen), wenn sie sich sexuell angenommen fühlen und Frauen ihre Yoni öffnen, wenn sie sich emotional angenommen fühlen. Vielleicht spielt bei dieser häufig zu beobachtenden Tatsache die archaische Frage mit hineine, dass für Frauen wichtig ist, dass der Kerl bei der Brutpflege mit dabei bleibt und auf der anderen Seiten, dass Er nicht nur die Brut anderer versorgt. In einer modernen Gesellschaft scheint das alles nicht mehr so wichtig, aber erklär das mal unserem neuronalen System.
Worauf ich hinaus will und wofür ich plädiere ist eine partnerschaftliche Kultur in der wir uns primär um Menschlichkeit bemühen und die Geschlechterunterschiede nur da betonen, wo sie wichtig sind. Sexualität ist für viele Menschen wichtig. Gute Wohn-, Lebens-, Arbeits- und Familienverhältnisse sind primär Menschlich und weitgehend unabhängig von der Geschlechtsidentität. Auch bezüglich Lust gilt die sexuelle Orientierung als fluide, aber die meisten Menschen bevorzugen gegengeschlechtliche Sexualpartner. Was wir in einer Menschliche Kultur brauchen, sind mehr Liebesschulen. Ein gut trainierter Körper, emotionale Feinfühligkeit, geistige Klarheit und Wissen sind allgemein Menschlich. Die Stärkung der Liebhaberqualität, sowohl sinnlich als auch emotional hilft allen.
Anstatt als Mann mit einem schlechten Gewissen gegenüber Frauen herum zu laufen oder überkommene Herrschaftsverhältnisse zu vertreten, gilt es an der richtigen Stelle und im richtigen Moment eine starke Präsenz in verbindung mit körperlicher Kraft und emotionaler offenheit zu zeigen, nämlich dann wenn Frau bereit ist.
… unvollständig …