Archiv des Monats: Februar 2026

Sicherheit versus Neugierde

Immer wieder begegnet mir die Frage nach der Sicherheit vor unerwünschten Erlebnissen im Verhältnis zur Vorfreude auf schöne, unerwartete Erlebnisse. Dazu möchte ich einen Gedanken darstellen. Es ist ein einzelner Aspekt des Verstehens und keine umfassende Lösung für die vielen verschiedenen Aspekte in Begegnungen.

Wir kennen das klassische Dilemma zwischen Sicherheit und Freiheit, wobei im Kontext sinnlicher oder gar sexueller Berührung die Sicherheit bei Frauen tendenziell höher bewertet wird – in einer patriarchal geprägten Kultur, in der Männer bei Übergriffen traditionell wenig Probleme bekommen haben ist das menschlich.

Ein Verständnis der Dynamik kann helfen, mehr Freiheit zu genießen und den eigenen sicheren Raum zu erweitern. Wir haben einen Begriff von Grenzen als scharf gezogene Linien, dabei sind sie im sozialen meist ungefähre Bereiche. Auf unserem Wege ist es daher normal und notwendig, „Grenzen“ mal zu überschreiten, um zu erfahren, ob und wo die Komfortzone endet und die “Rote Zone” beginnt. Eigentlich kann Mensch nur sagen, ob er oder sie gerade voll in der Comfort-Zone ist, oder mehr oder minder weit außerhalb davon. Grenzerfahrungen sind in der Regel bereichernd und schaffen Selbstvertrauen. Verletzungen hingegen, die unsere Handlungsfähigkeit mehr oder minder lange und mehr oder minder stark einschränken, sollten wir vermeiden. Die Definition aus dem Gewaltfreien Widerstand: „Gewalt liegt vor, wenn Menschen verletzt werden“ halte ich für sehr brauchbar, wobei begrifflich eine Unterscheidung zwischen „Schmerz“ und „Verletzung“ sehr wichtig ist. Nicht alles was schmerzt ist eine Verletzung.

Zentral ist dabei die Zeit, die wir brauchen, von der Grenzüberschreitung bis zu dem Moment, wo bewusst wird, dass wir diese Grenze nicht überschreiten möchten, bzw. nicht möchten dass andere unsere Grenze überschreiten. Wenn diese Zeit kurz ist, können wir schnell wieder zurück auf sicheres Gelände. Wenn wir lange brauchen bei schneller Bewegung, sind wir vielleicht schon tief im ungesunden Gelände und kommen mit Verletzungen wieder raus. Ein Beispiel: Wenn ich zwei Tage nach dem One-Night-Stand merke, dass mir das nicht gut getan hat, habe ich eine schlechte Erfahrung gespeichert und bin das nächste mal vielleich übervorsichtig. Wenn ich zwei Stunden brauche, kann ich während eines gemütlichen Essens noch die Kurve kriegen und mit diesem Menschen nicht ins Bett gehen. Bei 5 Minuten kann ich innerhalb einer tantrischen Massage immer noch gut für mich sorgen und bei 5 Sekunden kann ich mich auf wilde ekstatische Spiele einlassen, in dem Bewusstsein, jederzeit die Richtung zu ändern.

Wenn du über deine persönliche Zeit Bescheid weißt, kannst du den richtigen Sicherheitsabstand wählen – in Zeit gemessen. Und es ist lernbar, den Zeitabstand zu verkürzen, z.B. in dem du dich immer mal wieder fragst, ob das, was jetzt ist, in Ordnung für dich ist. Die Frage nach der Zukunft muss nur so weit gehen, wie deine persönliche “Sicherheitszeit” ist. 

Dies gilt allerdings nur, solange du überhaupt handlungsfähig bleibst. Handlungsfähigkeit wird jenseits der Comfort-Zone immer eingeschränkt. Nur wenige wachsen im Konflikt über sich hinaus. Aber wenn das persönliche Konfliktmuster eher Starre als Angriff oder Flucht ist, wird das oben beschrieben Modell der „Sicherheits-Zeit“ unbrauchbar. Auch das Konfliktverhalten kann durch lernen erweitert werden, aber bei krassen Erfahrungen sollten wir uns bewusst sein, dass eher die „alten Muster“ greifen.

Das schöne an professionell geleiteten tantrischen Erlebnisräume ist, dass es im Bild so etwas gibt, wie eine Bergwacht, die dich notfalls mit dem Hubschrauber aus schwierigem Gelände schnell wieder rausholen kann. Und sie kann dir im Vorfeld Hinweise geben, ob deine Fähigkeiten dem Schwierigkeitsgrad dieses Geländes entsprechen. In diesem Bild ist es wichtig, dass die Leitung weis, ob sie einen metaphorischen Bergwacht-Hubschrauber hat, also genügend Ressourcen für evtl. tiefgehende emotionale Prozesse. Und – in der Praxis seltener – gibt es auch die Rolle der „Polizei“, also aktiv beschützen vor Übergriffen. So was kann vorkommen, aber in unserem Feld sind die meisten Männer mit besten Absichten dabei (ja ich schreibe Männer; leider bestätigen sich Klieschees immer wieder, aber Mensch kann hier gerne Mensch einsetzen).

Sicherheit umfasst neben dem Umgang in gefährlichen Situationen auch die Fähigkeit, sichere Räume herzustellen. Die meisten Männer laufen zu hochform auf, wenn sie als Beschützer gefragt werden. Aber wie kommt es, dass viele Frauen sich im sozialen Kontext am ehesten unter Frauen sicher fühlen? Welche erwartbaren Erwartungen erfüllen „die Männer“ nicht ausreichend? Die frauenverachtenden Klischees im Patriarchat will heute niemand mehr reproduzieren, aber dennoch scheint auch im tantrisch-spirituellen Feld die Differenz zwischen den Geschlechtern nicht nur neugierige Wärme, sondern auch unangenehme Reibung zu erzeugen. Dazu möchte ich im nächsten Artikel ein paar Gedanken sammeln. Jetzt ruft die Buchhaltung.

Liebe Grüße
Helfried

Tantra-in-Leipzig – Rundbrief 47 (Februar 2026)

Liebe Tantrika und Freunde, 

   Der Frühling naht und neue Wachstumskräfte sammeln sich, um aus dem Boden hervor zu kommen. Wir haben letzte Woche Shivaratri gefeiert und ich konnte es genießen. Im veränderlichen Kreis vertrauter Menschen singen, tanzen, essen, meditieren und den symbolischen Linga zu verehren hat mich geerdet. Mich hat das feierliche Ritual darin unterstützt, die Widrigkeiten des Alltags mal hintenan zu stellen und mich mit dem Shiva-Bewusstsein und der Shakti-Materie zu verbinden. Ich mag auch die rituelle Wiederholung, die Sicherheit gibt und genug Freiraum lässt, zu variieren. 

Nach Jahren der Aufbauarbeit entwickelt sich in Leipzig die Tantra-Szene gut. Regelmäßige Gruppen für Singen, Tanzen, Meditieren, Massieren und Rituale ergänzen immer mehr private Treffen, Geburtstagsfeiern mit tantrischer Ritualistik und immer neue “Sangha-Gründungen”. Ich plädiere hier dafür, den Begriff “Sangha” als übergeordnet zu nehmen und jede Gruppe mit eigenen Namen zu taufen. Das würde sich bunter anfühlen, als die vielen generischen Bezeichnungen wie Sonntags-, Mantra-, Tanz-, Massage-, Stötteritz-, Lützkewitz-, Regio-, … -Gruppe. Das Projekt der Tantragemeinde als Dach und der Lehrerausbildung für Qualität musste leider hinter dem Gerichtsverfahren erst mal wieder zurückstehen. 

Ab 27.2.2026 beginnt wieder unser Tantra-Grundkurs über 12 Wochen. Das erste Wochenende ist offen, ob du danach weitermachen möchtest. Diese tantrische Gemeinschaft auf Zeit hat jedes Jahr tiefe Verbindungen geschaffen und bildet Schicht für Schicht die Grundlage der Leipziger Szene und einiger Partnerschaften. Es gibt noch 4 freie Plätze.

Einen Intensivkurs für Traditionelles Kundalini-Tantra-Yoga bieten wir hier am 22.-29.3.  unter der Leitung des indischen Lehrers Chetan aus Rishikesh an. Ich freue mich auf diese Woche und werde sie selbst als Weiterbildung mitmachen. Bitte melde dich bald an. 

Nachrichten

Eine neue Kooperation entwickelt sich mit dem neuen Tantrakalender.de, welcher überregional das bieten möchte, was ich schon seit Jahren für Leipzig mache. 

Bisher gab es wenig Berührungspunkte mit Wild-life-tantra.de, aber ein erster Kontakt fühlt sich leicht und richtig an für mehr Kooperation.  

 Das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Leipzig war für mich eindrucksvoll. Ohne eure vielfältige Unterstützung würde ich den Mut verlieren. Viele raten mir, diesen Weg nicht weiter zu gehen und lieber abzutauchen und unter dem Radar zu agieren.  Meine Klage wurde abgewiesen. Der Richter begrüßte mich mit einer vorgefertigten Meinung und meinte nach wenigen Sätzen, dass er wenig Lust hätte, sich volltexten zu lassen. Es gab dann doch zwei Stunden engagierte Debatte, in der ich meine Argumente darlegen konnte. Nun bin ich gespannt, wie begründet wird, warum “Sexualtherapie zum Schutz der Jugend verboten” werden soll. Das ist (verkürzt) der Kern der Frage.  Mir scheint, das Ordnungsamt möchte belogen werden. Welche Rolle ich in diesem Theater spielen sollte, bleibt etwas zwiespältig. Einerseits kann sich unsere Szene noch einigermaßen frei bewegen und verschwendet wenig Ressourcen auf die Muggelwelt. So nennen wir in unserer Sangha gerne die normalbürgerliche Gesellschaft. Andererseits zeigt die Geschichte, dass gesellschaftlicher Fortschritt und Freiräume immer erkämpft werden mussten, juristische Hürden genommen wurden und im Rahmen autoritärer werdender Politik sexuelle Selbstbestimmung immer sukzessive eingeschränkt wurde. Wehret den Anfängen. Und dann kann mein juristischer Widerstand auch Aggression auf uns ziehen oder zur korrekten Zurückhaltung mahnen. Das Ordnungsamt meinte vor Gericht, dass es die anderen bisher verschont habe, weil es warten wollte, wie mein Verfahren ausgeht. Hier wären mehr spirituelle Fähigkeiten der magischen Beeinflussung gebraucht, als ich alleine zur Verfügung habe. Als nächstes kommt die Berufung vor dem Oberverwaltungsgericht in Bautzen. Es scheint sinnvoll, parallel zur juristischen Auseinandersetzung auch eine gesellschaftliche Debatte zu führen. Kennt jemand in Bautzen geeignete Orte, Organisationen oder gut vernetzte Menschen, um im “schwarzen Bautzen” Tantra ans Licht zu bringen? 

Literaturtipp

Ich lese nicht so viel, aber teile gerne, was mich in den letzten Wochen inspiriert hat. Dieses Mal weniger auf Tantra bezogen.

  • Der Takt des Lebens – Warum das Herz unser wichtigstes Sinnesorgan ist. von Dr. Reinhard Friedl, Goldmann-Verlag 2019. Ein Herzchirurg, der lange Jahre nur die “Pumpe” repariert hat, stellt sich die Frage, warum auf der ganzen Welt und durch alle Epochen das Herz für Liebe, Mitgefühl, Freude, Mut, Stärke und Weisheit steht. Mit vielen wissenschaftlich anerkannten Studien und fundierten Beschreibungen der hormonellen und anderen Prozesse baut er Brücken zwischen Schulmedizin und Spiritualität. 
  • Jaffa Road, Roman von Daniel Speck, Fischer-Verlag 2021. Der hochkomplizierte Nahostkonflikt wird mit großer Kenntnis als packende und anrührende Familiengeschichte erzählt. Ich bin noch mittendrin, aber kann das Buch gerade in der aktuellen Zeit empfehlen. Tantrisch ist daran allerdings nur die vielschichtige Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Realitäten. Es wird immer schwerer, eindeutige Urteile zu fällen, aber motiviert, erweitertes Mitgefühl zu entwickeln.  

Meinung

Künstliche Intelligenz nutzen?

KI ist in aller Munde und ich habe mich leider dabei erwischt, selbst ein KI-Generiertes Bild für einen Workshop zu verwenden, welches ein Teilnehmer zur Unterstützung mitgebracht hatte. Ich habe es nicht gemerkt und erst auf Nachfrage erfahren. Im Vergleich mit den wundervollen Versprechungen meiner Mitbewerber sieht meine Werbung immer etwas alt aus. Ich fühle mich im Zwiespalt. Wenn alle wissen, das Werbung lügt und völlig unabhängig von Inhalten die Erwartung entwickeln, schöne Bilder zu sehen, dann ist es dumm, da nicht mitzuspielen. Wenn zukünftig nur noch echter sozialer Kontakt zu Menschen zählt, weil alle Nachrichten unzuverlässig werden, dann ist es vielleicht weise. Aber was die KI wirklich gut kann, ist Programmieren und Strukturieren. Das werde ich mir zukünftig mehr zu Nutze machen. Die ermüdende Umformatierung des Kalender für den Rundbrief  zum Beispiel  (siehe Liste unten). 

Tantralender

mit einem Überblick über alle Veranstaltungen in und um Leipzig findet in der Mail eine lange Liste, ist hier aber besser aktuell zu sehen. … Mehr

Sexualtherapie zum Schutze der Jugend verbieten?

Am 3.2.2026 wurde vor dem Verwaltungsgericht Leipzig der Fall verhandelt, dass das Ordnungsamt meine sexualtherapeutische Praxis zum Schutze des öffentlichen Anstandes und der Jugend amtlich geschlossen hat. Das ist natürlich etwas verkürzt dargestellt, trifft aber den Kern der Sache. Das Verwaltungsgericht hat das Ordnungsamt darin bestätigt. Der sittliche Nährwert dieses Urteils ungefähr so hoch, wie die staatliche Gewalt gegen liebende Männer jahrzehnte lang war. Der Schutz von Prostituierten wird zum Vorwand genommen, patriarchal Frauenfeindliche Meinungen durchzusetzen.

Details siehe https://www.tantrazentrum-leipzig.de/tantramassage/tantramassage-in-leipzig/massagevonhelfried/prostschg/

Manche Gesetze sind gut und zu beherzigen. Manche Gesetze sind unklar und werden in ihren Randbereichen falsch ausgelegt und führen zu absurden Situationen. Manche Gesetze Ausdruck aktueller Mehrheitsverhältnisse, die Mensch bescheuert finden darf, aber sich daran halten muss. Und manche Gesetze sind Ausdruck mieser Machtstrukturen, unmenschlich und verabscheuenswürdig. Jahrzehntelang wurden z.B. Männer wegen ihrer sexuellen Orientierung strafrechtlich verfolgt. Der §175 ist heute kaum noch vorstellbar. Ich vermute, dass das neue ProstSchG zur zweiten Kategorie gehört, aber auch Anteil von letztem hat. Ich halte mich an das Gesetz, aber ich wehre mich gegen Unmenschlichkeit.

Ich kann damit Leben, dass gewerbliche Tantramassage rechtlich geregelt wird, aber ich möchte in einem demokratischen Staat nicht damit leben, dass Opfern sexualisierter Gewalt Therapie vom Ordnungsamt verweigert wird.

Zum Glück bin ich in der priveligierten Situation, dass finanziell nicht auf die Einnahmen aus meinen Tantramassagen angewiesen bin. Mir ist egal, ob ich ehrenamtlich im Büro sitze und mit Tantramassagen Geld verdiene oder ob ich ehrenamtlich Tantramassagen anbiete und über Spenden für meine Büroarbeit bezahlt werde. Tantramassagen mit Genitalberührung biete ich ab sofort kostenfrei an (im Rahmen meines Terminkalenders). Damit ist das ProstSchG auch aus meiner Welt entfernt.

Das Ordnungsamt möchte belogen werden! Das Ordnungsamt vertritt eine patriarchale Meinung und dazu gehört bürgerliche Doppelmoral und Prositution. Transparenz und kooperative Gespräch scheinen vom Ordnungsamt nicht erwünscht. Das Verhältnis zu Bürgern erscheint wie die Verhältnisse herrschsüchtige 50er-Jahre Familienoberhäupter (im Westen) zu ihren Familienmitgliedern.

Dieses Wochenende hatte ich wieder ein Tantramassage-Seminar gegeben. Der Grundkurs M1, ganz ohne Genitalberührung. Eine ausgebildete Physiotherapeutin mit viel Berufserfahrung berichtet, dass sie sich in einem „ganz anderen Universum“ fühlt und Massage ganz anders begreift. Bei der Bauch- und Brustmassage macht sie elementar neue Erfahrungen, weil endlich mal die Berührung der Brust nicht sexuell gefärbt ist und sie lernt das genießen zu können. Diese wundervolle Arbeit soll laut Ordnungsamt verboten sein?