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Unbedingte Liebe!?

Ich habe gerade wieder ein wunderschönes Tantraseminar abgeschlossen und dabei ein neues Aha-Erlebnis auf den Punkt bringen dürfen. Wie ist das mit der unbedingten Liebe? Wir wollen alle geliebt werden und lieben. Wenn Liebe an Bedingungen geknüpft wird, beschleicht uns ein komisches Gefühl. Aber Fürsorge kann ganz selbstverständlich an Bedingungen geknüpft werden.

Aus einer bestimmten Perspektive kann Liebe als schenkendes Prinzip verstanden werden, womit Liebe immer ohne Bedingungen ist. Aus diesem romantischen Blickwinkel ist es philosophisch möglich, allen anderen, auf Tauschhandel aufgebauten Beziehungen, das Attribut Liebe abzusprechen. Ich möchte dieser Sichtweise gar nicht widersprechen, aber ein anderer Blickwinkel kommt zu anderen Schlussfolgerungen.

Für den praktischen Alltag ist eine Definition von: “Liebe = Fürsorge” geeignet, Handlungen darauf hin zu bewerten, ob sie liebevoll sind oder nicht. Fürsorge bedeutet, jemandem bei seiner Bedürfnisbefriedigung zu helfen. Das können andere Personen sein, oder du selbst (Selbstfürsorge). In einem idealtypischen Beispiel erkennt die Fürsorgliche Person, ob das kindliche Bedürfnis eher nach Nahrungsaufnahme oder eher nach Ausscheidung klingt, und handelt entsprechend. 

Kinder haben ein “Recht auf unbedingte Liebe”. Die Fürsorge für Kinder ist nicht an die Bedingung geknüpft, wie sich das Kind verhält. Im Einzelfall kann Fürsorge auch eine erzieherische Funktion haben und das Gefühl von Frustration ist nicht immer zu vermeiden. Aber es ist die Pflicht der Erwachsenen, die Grundbedürfnisse des Kindes zu befriedigen – also zu lieben, auch wenn sich das Kind mal daneben benimmt und nicht unsere Erwartungen erfüllt. Ganz anders ist das mit Liebesbeziehungen und Partnerschaften zwischen erwachsenen Menschen. Die fürsorgliche Zuwendung und Liebe kann nicht auf Dauer eingefordert werden, sondern ist auf längere Sicht an ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen gebunden, sonst wird eine Partnerschaft zwischen Erwachsenen nicht irgendwie „schräg“. Eine Liebesbeziehung kann weiter bestehen, wo eine Seite dauerhaft schenkend liebt. Aber die wenigsten würden solch eine Beziehung als gleichberechtigte Partnerschaft verstehen. Also, für Partnerschaften zwischen Erwachsenen gibt es keine “unbedingte Liebe” auf Dauer. Hoffentlich gibt es in jeder Partnerschaft Momente des freien Schenkens, in denen wir uns geliebt fühlen, aber einfordern können wir das nicht.

Eltern haben eine Verpflichtung, ihr Leben, den Beruf und die Wohnsituation angemessen für die Elternschaft einzurichten und gelegentlich eigene Bedürfnisse zurück zu stellen. Ein Gefühl von Verbundenheit und erweitertem Mitgefühl macht das leicht.

Ähnlich ist das in der Beziehung zwischen deinem inneren Kind und deinem erwachsenen Selbst. So wie Eltern die Verpflichtung haben, ihre Kinder fürsorglich zu behandeln, ist es die Pflicht unseres erwachsenen Selbst, das innere Kind fürsorglich (= liebvoll) zu behandeln. 

Manche Eltern sind mit der Fürsorge ihrer Kinder einfach überfordert und manchmal auch rücksichtslos, unachtsam, egoistisch, ideologisch verbohrt, oder ähnliches. So ähnlich scheint es in der Beziehung zwischen unserem reflektierten Selbstkonzept und den eigenen inneren Kindern. Es gibt viele Situationen, wo der Eindruck entsteht, dass das erwachsene Selbst die Fürsorge für das eigene innere Kind nicht ernst genug nimmt. Und ähnlich wie verwahrloste oder misshandelte Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden und teilweise “auf die schiefe Bahn” geraten, können missachtete innere Kindanteile eine schwierige Eigendynamik für die ganzheitliche Person entwickeln.

Um es pointiert auszudrücken: Nicht ein Partner, sondern Du hast die Pflicht, dich um deine inneren Kindanteile zu kümmern, und ihnen die unbedingte Liebe zukommen zu lassen, auf die alle Kinder ein Recht haben. Andere liebende Menschen helfen dir dabei.

Sicherheit versus Neugierde

Immer wieder begegnet mir die Frage nach der Sicherheit vor unerwünschten Erlebnissen im Verhältnis zur Vorfreude auf schöne, unerwartete Erlebnisse. Dazu möchte ich einen Gedanken darstellen. Es ist ein einzelner Aspekt des Verstehens und keine umfassende Lösung für die vielen verschiedenen Aspekte in Begegnungen.

Wir kennen das klassische Dilemma zwischen Sicherheit und Freiheit, wobei im Kontext sinnlicher oder gar sexueller Berührung die Sicherheit bei Frauen tendenziell höher bewertet wird – in einer patriarchal geprägten Kultur, in der Männer bei Übergriffen traditionell wenig Probleme bekommen haben ist das menschlich.

Ein Verständnis der Dynamik kann helfen, mehr Freiheit zu genießen und den eigenen sicheren Raum zu erweitern. Wir haben einen Begriff von Grenzen als scharf gezogene Linien, dabei sind sie im sozialen meist ungefähre Bereiche. Auf unserem Wege ist es daher normal und notwendig, „Grenzen“ mal zu überschreiten, um zu erfahren, ob und wo die Komfortzone endet und die “Rote Zone” beginnt. Eigentlich kann Mensch nur sagen, ob er oder sie gerade voll in der Comfort-Zone ist, oder mehr oder minder weit außerhalb davon. Grenzerfahrungen sind in der Regel bereichernd und schaffen Selbstvertrauen. Verletzungen hingegen, die unsere Handlungsfähigkeit mehr oder minder lange und mehr oder minder stark einschränken, sollten wir vermeiden. Die Definition aus dem Gewaltfreien Widerstand: „Gewalt liegt vor, wenn Menschen verletzt werden“ halte ich für sehr brauchbar, wobei begrifflich eine Unterscheidung zwischen „Schmerz“ und „Verletzung“ sehr wichtig ist. Nicht alles was schmerzt ist eine Verletzung.

Zentral ist dabei die Zeit, die wir brauchen, von der Grenzüberschreitung bis zu dem Moment, wo bewusst wird, dass wir diese Grenze nicht überschreiten möchten, bzw. nicht möchten dass andere unsere Grenze überschreiten. Wenn diese Zeit kurz ist, können wir schnell wieder zurück auf sicheres Gelände. Wenn wir lange brauchen bei schneller Bewegung, sind wir vielleicht schon tief im ungesunden Gelände und kommen mit Verletzungen wieder raus. Ein Beispiel: Wenn ich zwei Tage nach dem One-Night-Stand merke, dass mir das nicht gut getan hat, habe ich eine schlechte Erfahrung gespeichert und bin das nächste mal vielleich übervorsichtig. Wenn ich zwei Stunden brauche, kann ich während eines gemütlichen Essens noch die Kurve kriegen und mit diesem Menschen nicht ins Bett gehen. Bei 5 Minuten kann ich innerhalb einer tantrischen Massage immer noch gut für mich sorgen und bei 5 Sekunden kann ich mich auf wilde ekstatische Spiele einlassen, in dem Bewusstsein, jederzeit die Richtung zu ändern.

Wenn du über deine persönliche Zeit Bescheid weißt, kannst du den richtigen Sicherheitsabstand wählen – in Zeit gemessen. Und es ist lernbar, den Zeitabstand zu verkürzen, z.B. in dem du dich immer mal wieder fragst, ob das, was jetzt ist, in Ordnung für dich ist. Die Frage nach der Zukunft muss nur so weit gehen, wie deine persönliche “Sicherheitszeit” ist. 

Dies gilt allerdings nur, solange du überhaupt handlungsfähig bleibst. Handlungsfähigkeit wird jenseits der Comfort-Zone immer eingeschränkt. Nur wenige wachsen im Konflikt über sich hinaus. Aber wenn das persönliche Konfliktmuster eher Starre als Angriff oder Flucht ist, wird das oben beschrieben Modell der „Sicherheits-Zeit“ unbrauchbar. Auch das Konfliktverhalten kann durch lernen erweitert werden, aber bei krassen Erfahrungen sollten wir uns bewusst sein, dass eher die „alten Muster“ greifen.

Das schöne an professionell geleiteten tantrischen Erlebnisräume ist, dass es im Bild so etwas gibt, wie eine Bergwacht, die dich notfalls mit dem Hubschrauber aus schwierigem Gelände schnell wieder rausholen kann. Und sie kann dir im Vorfeld Hinweise geben, ob deine Fähigkeiten dem Schwierigkeitsgrad dieses Geländes entsprechen. In diesem Bild ist es wichtig, dass die Leitung weis, ob sie einen metaphorischen Bergwacht-Hubschrauber hat, also genügend Ressourcen für evtl. tiefgehende emotionale Prozesse. Und – in der Praxis seltener – gibt es auch die Rolle der „Polizei“, also aktiv beschützen vor Übergriffen. So was kann vorkommen, aber in unserem Feld sind die meisten Männer mit besten Absichten dabei (ja ich schreibe Männer; leider bestätigen sich Klieschees immer wieder, aber Mensch kann hier gerne Mensch einsetzen).

Sicherheit umfasst neben dem Umgang in gefährlichen Situationen auch die Fähigkeit, sichere Räume herzustellen. Die meisten Männer laufen zu hochform auf, wenn sie als Beschützer gefragt werden. Aber wie kommt es, dass viele Frauen sich im sozialen Kontext am ehesten unter Frauen sicher fühlen? Welche erwartbaren Erwartungen erfüllen „die Männer“ nicht ausreichend? Die frauenverachtenden Klischees im Patriarchat will heute niemand mehr reproduzieren, aber dennoch scheint auch im tantrisch-spirituellen Feld die Differenz zwischen den Geschlechtern nicht nur neugierige Wärme, sondern auch unangenehme Reibung zu erzeugen. Dazu möchte ich im nächsten Artikel ein paar Gedanken sammeln. Jetzt ruft die Buchhaltung.

Liebe Grüße
Helfried