Auf den ersten Blick scheint politisches Engagement und spirituelle Entwicklung gegensätzlich. Aber die Ziele sind ganz ähnlich. Nur der Weg ist unterschiedlich. Die einen wollen die Welt im Außen verändern und die anderen meinen, dass wir bei uns selbst anfangen müssen. Dabei wissen sowohl die einen, als auch die anderen, dass Entwicklung immer interaktiv in kleinen Schritten geschieht. Natürlich gibt es auf beiden Seiten extremistische Positionen, aber alle guten Gruppen und Individuen haben beides. Das größere, transzendente, über die einzelne Person hinausgehende – und das individuelle, die persönlichen Bedürfnisse befriedigende, auf persönliche Beziehungen basierende. Ich benutze gerne die Dualität zwischen Sachorientierung und Beziehungsorientierung. Hälfte-Hälfte erscheint erstmal ein guter Ansatz. Gruppen, die nur nach innen schauen, halten über persönliche Freundschaften hinaus nicht lange und die, die nur im Außen agieren, lösen sich nach wenigen Jahren auf. Individuen, die sich nur um sich selbst drehen und nur auf der “Suche” sind, “finden” sich selten. Nicht umsonst haben viele erwachte Meister großartige Bewegungen oder soziale Projekte im Außen gegründet. Das erweiterte Mitgefühl, wie die Erleuchtung im Buddhismus heißt, führt zum Engagement für andere Wesen. Für mich persönlich war es prägend, im politischen Aktivismus eine emotional gut verbundene Gruppe von Gleichgesinnten um mich zu haben, mit denen ich oder “wir” zusammen etwas bewirken konnten. Damals hieß eine anarchistische Parole “bildet Banden”. Heute würde ich dafür plädieren, ganz bewusst und reflektiert seine sozialen Zusammenhänge zu gestalten. Ob die Organisationsform dann Freundeskreise, Gruppen, Organisationen, Firmen oder Parteien sind, halte ich für nachrangig. Das tantrische Prinzip, auf dem Altar der persönlichen Verehrung diejenigen Aspekte in den Vordergrund zu holen, die jetzt dran sind und die anderen Aspekte einfach etwas in den Hintergrund zu schieben, statt sie zu verdammen, das halte ich für wichtig. Mit Verehrung meine ich das, wofür du dich engagierst und bei dem Begriff Aspekte denke ich an Gottheiten. In unserer Kultur, die durch monotheistische Religionen geprägt wurde, wird oft “ganz oder gar nicht“ propagiert, sozusagen digital, an oder aus. Unsere vielschichtige, zunehmend multipolare Welt und Gesellschaft lässt sich mit der tantrischen Weltanschauung viel besser abbilden.
Politaktivismus oder Spiritualität?
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