Triggerwarnung: Ich wurde darauf hingewiesen, dass dieser Post dahingehend missverstanden werden kann, dass ich nur Frauen addressiere und die Rolle der Männer vernachlässige. Daher werde ich in nächsten Rundbrief zum Thema Mitgefühl, Achtsamkeit und Rollenverständnis für Männer was schreiben. Vermutlich komme ich aus meiner Haut nicht raus und schreibe und denke „männertypisch“. Vielleicht fühlt sich ein Mensch berufen, aus weiblicher Perspektive auf die hier behandelten Fragen zu schreiben. Ich würde mich über Austausch freuen.
Immer wieder begegnet mir die Frage nach der Sicherheit vor unerwünschten Erlebnissen im Verhältnis zur Vorfreude auf schöne, unerwartete Erlebnisse. Dazu möchte ich einen Gedanken darstellen. Es ist ein einzelner Aspekt des Verstehens und keine umfassende Lösung für die vielen verschiedenen Aspekte in Begegnungen.
Wir kennen das klassische Dilemma zwischen Sicherheit und Freiheit, wobei im Kontext sinnlicher oder gar sexueller Berührung die Sicherheit bei Frauen tendenziell höher bewertet wird – in einer patriarchal geprägten Kultur, in der Männer bei Übergriffen traditionell wenig Probleme bekommen haben ist das menschlich.
Ein Verständnis der Dynamik kann helfen, mehr Freiheit zu genießen und den eigenen sicheren Raum zu erweitern. Wir haben einen Begriff von Grenzen als scharf gezogene Linien, dabei sind sie im sozialen meist ungefähre Bereiche. Auf unserem Wege ist es daher normal und notwendig, „Grenzen“ mal zu überschreiten, um zu erfahren, ob und wo die Komfortzone endet und die “Rote Zone” beginnt. Eigentlich kann Mensch nur sagen, ob er oder sie gerade voll in der Comfort-Zone ist, oder mehr oder minder weit außerhalb davon. Grenzerfahrungen sind in der Regel bereichernd und schaffen Selbstvertrauen. Verletzungen hingegen, die unsere Handlungsfähigkeit mehr oder minder lange und mehr oder minder stark einschränken, sollten wir vermeiden. Die Definition aus dem Gewaltfreien Widerstand: „Gewalt liegt vor, wenn Menschen verletzt werden“ halte ich für sehr brauchbar, wobei begrifflich eine Unterscheidung zwischen „Schmerz“ und „Verletzung“ sehr wichtig ist. Nicht alles was schmerzt ist eine Verletzung.
Zentral ist dabei die Zeit, die wir brauchen, von der Grenzüberschreitung bis zu dem Moment, wo bewusst wird, dass wir diese Grenze nicht überschreiten möchten, bzw. nicht möchten dass andere unsere Grenze überschreiten. Wenn diese Zeit kurz ist, können wir schnell wieder zurück auf sicheres Gelände. Wenn wir lange brauchen bei schneller Bewegung, sind wir vielleicht schon tief im ungesunden Gelände und kommen mit Verletzungen wieder raus. Ein Beispiel: Wenn ich zwei Tage nach dem One-Night-Stand merke, dass mir das nicht gut getan hat, habe ich eine schlechte Erfahrung gespeichert und bin das nächste mal vielleich übervorsichtig. Wenn ich zwei Stunden brauche, kann ich während eines gemütlichen Essens noch die Kurve kriegen und mit diesem Menschen nicht ins Bett gehen. Bei 5 Minuten kann ich innerhalb einer tantrischen Massage immer noch gut für mich sorgen und bei 5 Sekunden kann ich mich auf wilde ekstatische Spiele einlassen, in dem Bewusstsein, jederzeit die Richtung zu ändern.
Wenn du über deine persönliche Zeit Bescheid weißt, kannst du den richtigen Sicherheitsabstand wählen – in Zeit gemessen. Und es ist lernbar, den Zeitabstand zu verkürzen, z.B. in dem du dich immer mal wieder fragst, ob das, was jetzt ist, in Ordnung für dich ist. Die Frage nach der Zukunft muss nur so weit gehen, wie deine persönliche “Sicherheitszeit” ist.
Dies gilt allerdings nur, solange du überhaupt handlungsfähig bleibst. Handlungsfähigkeit wird jenseits der Comfort-Zone immer eingeschränkt. Nur wenige wachsen im Konflikt über sich hinaus. Aber wenn das persönliche Konfliktmuster eher Starre als Angriff oder Flucht ist, wird das oben beschrieben Modell der „Sicherheits-Zeit“ unbrauchbar. Auch das Konfliktverhalten kann durch lernen erweitert werden, aber bei krassen Erfahrungen sollten wir uns bewusst sein, dass eher die „alten Muster“ greifen.
Das schöne an professionell geleiteten tantrischen Erlebnisräume ist, dass es im Bild so etwas gibt, wie eine Bergwacht, die dich notfalls mit dem Hubschrauber aus schwierigem Gelände schnell wieder rausholen kann. Und sie kann dir im Vorfeld Hinweise geben, ob deine Fähigkeiten dem Schwierigkeitsgrad dieses Geländes entsprechen. In diesem Bild ist es wichtig, dass die Leitung weis, ob sie einen metaphorischen Bergwacht-Hubschrauber hat, also genügend Ressourcen für evtl. tiefgehende emotionale Prozesse. Und – in der Praxis seltener – gibt es auch die Rolle der „Polizei“, also aktiv beschützen vor Übergriffen. So was kann vorkommen, aber in unserem Feld sind die meisten Männer mit besten Absichten dabei (ja ich schreibe Männer; leider bestätigen sich Klieschees immer wieder, aber Mensch kann hier gerne Mensch einsetzen).
Sicherheit umfasst neben dem Umgang in gefährlichen Situationen auch die Fähigkeit, sichere Räume herzustellen. Die meisten Männer laufen zu hochform auf, wenn sie als Beschützer gefragt werden. Aber wie kommt es, dass viele Frauen sich im sozialen Kontext am ehesten unter Frauen sicher fühlen? Welche erwartbaren Erwartungen erfüllen „die Männer“ nicht ausreichend? Die frauenverachtenden Klischees im Patriarchat will heute niemand mehr reproduzieren, aber dennoch scheint auch im tantrisch-spirituellen Feld die Differenz zwischen den Geschlechtern nicht nur neugierige Wärme, sondern auch unangenehme Reibung zu erzeugen. Dazu möchte ich im nächsten Artikel ein paar Gedanken sammeln. Jetzt ruft die Buchhaltung.
Liebe Grüße
Helfried